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Warum mehr Sauerstoff nicht automatisch besser ist und was beim Breathwork wirklich in deinem Körper passiert

19. Aug.
3 Min. Lesezeit

Wenn wir an Atmung denken, haben wir meistens sofort Sauerstoff im Kopf. Einatmen bringt Sauerstoff rein und Ausatmen befördert Kohlendioxid raus. Es klingt logisch, dass tiefes oder schnelles Atmen den Körper einfach mit mehr Sauerstoff flutet.

Doch so simpel funktioniert unsere Biochemie nicht. Damit der Sauerstoff überhaupt dort ankommt, wo er gebraucht wird, braucht es ausgerechnet das Gas, das wir meist vorschnell als reines Abfallprodukt abtun. Die Rede ist von Kohlendioxid. Genau hier beginnt der faszinierende Teil für Breathwork.


Frau, die am Atmen ist

Der Gasaustausch in der Lunge

Mit jedem Atemzug strömt Luft über die Atemwege in die Lungenbläschen. Dort findet der eigentliche Gasaustausch statt. Allerdings nimmt nicht die gesamte Luft daran teil, denn ein Teil bleibt in den oberen Atemwegen hängen. Diese Bereiche wie Nase, Rachen und Luftröhre nennen wir den anatomischen Totraum.

Eine verlangsamte und vertiefte Atmung nutzt dieses Volumen physiologisch effizienter als viele kleine, flache Atemzüge. Das zeigt schon auf mechanischer Ebene, dass es nie nur darum geht, dass wir atmen, sondern wie wir atmen.


Sauerstoff allein reicht nicht, der Bohr-Effekt

In der Lunge bindet sich der Sauerstoff an das Hämoglobin im Blut. Damit ist der Transportweg gesichert. Doch am Zielgewebe muss das Hämoglobin den Sauerstoff auch wieder loslassen.

Genau dafür ist Kohlendioxid entscheidend, denn seine Konzentration beeinflusst den pH-Wert des Blutes. Wenn die Kohlendioxid-Konzentration im Gewebe steigt, verändert sich die Bindung so, dass Hämoglobin den Sauerstoff leicht freigibt. Diese biochemische Gesetzmässigkeit nennen wir den Bohr-Effekt.

Kohlendioxid ist also kein Abfall, den es möglichst schnell loszuwerden gilt. Es ist der eigentliche Türöffner für die Sauerstoffversorgung der Zellen.


Mehr atmen bedeutet nicht mehr Sauerstoff im Gewebe

Atmest du schneller und intensiver, als es dein Körper im Ruhezustand braucht, bläst du vermehrt Kohlendioxid ab. Fällt der Kohlendioxid-Spiegel im Blut ab, steigt der pH-Wert und die Blutgefässe können sich verengen. Die Folge davon ist, dass der Sauerstoff fester am Hämoglobin klebt und schwerer ins Gewebe gelangt.

Die Formel, dass der Körper umso besser versorgt wird, je mehr man atmet, greift schlichtweg zu kurz. Die Atmung ist ein hochsensibles Regelsystem.


liegende Frau während einer Breathworksession

Was das für deine Breathwork-Session bedeutet

Hast du dich nach einer intensiven Atemreise schon einmal gefragt, warum dein Körper so stark reagiert?

Sobald wir das gewohnte Atemmuster verlassen und Frequenz sowie Volumen über längere Zeit anheben, verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Sauerstoff, Kohlendioxid und dem pH-Wert im Blut. Die typischen Phänomene einer aktiven Session wie Kribbeln, Temperaturschwankungen, ein leichtes Schwindelgefühl oder veränderte Körperwahrnehmungen sind meist kein Zeichen von besonders viel Sauerstoff. Sie sind die direkte Folge des abgesunkenen Kohlendioxid-Spiegels.


Keine Technik für alles

Es gibt nicht die eine richtige Art zu atmen. Jede Frequenz setzt andere Reize im autonomen Nervensystem.

Langsame und ruhige Muster aktivieren den Parasympathikus. Sie unterstützen die Regeneration, die Verdauung und das Herunterfahren des Systems.

Schnelle und dynamische Techniken sprechen hingegen den Sympathikus an. Sie steigern die Aktivierung und bringen Energie in den Körper.

Gesundheit bedeutet nicht, dauerhaft entspannt zu sein. Unser System braucht die Fähigkeit, flexibel zwischen Aktivierung und Erholung zu wechseln.


Warum Breathwork auch fordernd sein darf

Breathwork wird oft vorschnell mit sanfter Entspannung gleichgesetzt. Aktive Formate bewirken jedoch zunächst das Gegenteil. Der Körper wird hochgefahren, Empfindungen verdichten sich und auch emotionale Prozesse bekommen Dynamik.

Das Schöne daran ist, dass erst durch diese bewusste Aktivierung im Anschluss der Raum für eine tiefe, spürbare Regeneration entsteht. Die Atmung flacht ab, die Muskulatur lässt los und das Nervensystem schaltet um. Genau dieser Wechsel macht die Praxis so wirkungsvoll.


Die Wahrnehmung beginnt im Alltag

Eine fundierte Atemreise endet nicht auf der Matte. Sie schult deinen Blick dafür, wie du dir im Alltag begegnest. Atmest du eher durch den Mund oder durch die Nase? Hältst du unter Druck unbewusst die Luft an? Wie verändert sich dein Atem, wenn du konzentriert, gestresst oder emotional gefordert bist?

Atmung ist kein mechanischer Vorgang, den wir einfach abhaken können. Sie ist das direkteste Werkzeug, das wir haben, um unser körperliches und nervliches Gleichgewicht selbst zu gestalten.

 
 
 

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